Trondheim-Oslo – The Other Way Round 2.Teil

Die Idee der Fatbikes stammt aus Alaska. Dort wurden sie unter dem Namen Snowbike seit Mitte der 1990er von Radfreaks entwickelt. Seit etwa 2005 gab es vereinzelt kommerzielle Anbieter. Mit der besseren Technik und Verfügbarkeit wandelten sich Einsatzgebiet und Name.

Das Fatbike – der Expeditions-Unimog unter den Fahrrädern

Aus dem Snowbike für den Schnee in Alaska wurde das Fatbike für jede Art von schlüpfrigem Untergrund, denn mit seinen bis zu 4,8 Zoll breiten Reifen spielt es seine Trümpfe auf Schnee, Sand, Matsch, Kies und nass-losem Untergrund gleichermaßen aus. Damit wird es zum idealen „Allzweck-Reiserad“ für den „Omniterra“-Einsatz als „Nutzspielzeug“, wie Velotraum, einer der ersten Hersteller, die aus der Idee Snowbike ein Touren-Fatbike für europäisches Terrain destilliert haben, in seiner Werbung treffend formuliert. „Pilger“ hat Velotraum-Chef Stefan Stiener sein Fatbike genannt.

Von Oslo nach Trondheim

Ein Rad wie gemacht für unseren Trip: Der Rahmen ist auch bei einer Zuladung von deutlich über 25 Kilogramm absolut spurstabil und bietet alle erdenklichen Aufnahmen, um Taschen, Träger und Zubehör unterzubringen. In Ermangelung des zu Reisebeginn noch nicht lieferbaren „Fat“-Gepäckträgers von Tubus musste ich noch einen Träger umschweißen lassen. Bemerkenswert an meinem Fat-Reiserad sind natürlich die 4,8 Zoll breiten Reifen, das überbreite Tretlager und die „XX1“-11-Gang-MTB-Kettenschaltung von Sram. Sie gibt mir leichte Gänge herunter bis zur Schrittgeschwindigkeit, dafür trete ich bei steilen Abfahrten recht früh ins Leere.

Bild Beleuchtung

Das ist einem Pilger (und seinem Fahrer) aber egal und hat sich auf der gesamten Tour nicht negativ bemerkbar gemacht. Ansonsten liest sich die Ausstattung meines Pilgers wie die jedes guten Reiserades: SON-Nabendynamo mit LED-Beleuchtung von Busch & Müller, wartungsarme mechanische Scheibenbremsen und Brooks-Kernledersattel. Die mit kaum 0,4 bis 0,8 bar befüllten Reifen bieten neben reichlich Traktion viel Komfort. Insgesamt stellt das Rad einen Gegenentwurf zu den hochgerüsteten modernen Mountainbikes dar – mit jeder Menge Kultpotenzial. Seit etwa ein bis zwei Jahren bieten auch viele namhafte Hersteller Fatbikes an, und die Preise purzeln. Erste Modelle sind bereits für 999 Euro zu bekommen. Zudem sind nun auch Modelle aus Carbon, mit Vollfederung oder E-Motor im Angebot.

Kalte TV-Stars

„Tock, Tock, Tock“, es klopft an der Tür. Noch bevor Walter oder ich antworten, steht ein in dickste Daunenmontur gekleideter Mittfünziger im Flur unserer Hütte, die wir uns für die Nacht gegönnt haben. Nach gut hundert Kilometern Schinderei übers tief verschneite Hochplateau unterhalb des Rondane-Nationalparks mit Temperaturen um -25 °C stand uns der Sinn nicht nach Biwak. Aus der voluminösen Kapuze der roten Daunenjacke lugt ein Victor-Emanuel-Bart hervor. Die Augen blicken wach und interessiert. „Ich bin Kurt“, stellt er sich freundlich vor. Verdattert schauen Walter und ich uns an. Wieder so ein Moment, in dem uns schlagartig klar wird, wie verschieden Norweger und Deutsche sind. Wer würde bei uns einfach ins Haus eintreten? Wer würde die Fremden sofort duzen und direkt hinüber zum Ofen gehen? In Norwegen macht man das so. Und das fühlt sich auch gar nicht schlecht an.

Haus im Schnee

Nur anders halt. Wir schälen uns aus den Schlafsäcken. „Ich arbeite für eine lokale Zeitung. Der Vermieter hier, ein Freund aus alten Schulzeiten, hat mich angerufen und gesagt, er hätte ein paar verrückte Radfahrer aus Deutschland als Gäste. Kann ich ein Interview mit euch machen?“ In der Hütte ist es angenehm warm, T-Shirt und kurze Hose genügen. Wir sind seit vier Tagen auf Wintertour, unser Kälteempfinden hat sich bereits bestens an den nordischen Winter angepasst. Dachten wir jedenfalls, bis Kurt die Katze aus dem Sack lässt: „Das war die kälteste Nacht dieses Winters und Folldal ist heute der kälteste Ort Norwegens.“ Blitzartig drehe ich mich zum Thermometer um: Innentemperatur 11 °C, Außentemperatur -34 °C. Uns gefrieren die Gesichtszüge! Heute soll es auf das Dach der Tour gehen. Aufs Dovrefjell, dessen raues Klima selbst im Sommer beim Rennradrennen tückisch sein kann.

Start im kalten Winterwetter

Auf dem Hochplateau pfeift stets ein ordentlicher Wind und urplötzliche, dramatische Wetterwechsel sind keine Seltenheit. Im Juni 1993 bin ich dort bei null Grad und Schneeregen drüber. Damals erreichte von über 5.000 Startern kaum ein Drittel das Zie, bis heute der traurige Did-Not-Finish-Rekord. Wir entscheiden uns erst einmal, den Kamin anzumachen und Kaffee zu kochen. Kurt ist verschwunden und kommt mit einer TV-Schulterkamera zurück. „Ich arbeite auch fürs Fernsehen“, erklärt der findige Journalist. Alle Ablenkung tut gut. Wir machen ihm klar, dass er filmen und interviewen kann, wir aber für ihn keinesfalls in der Kälte stoppen werden.

Schichtarbeit

Unterhalb von -30 °C ist für Walter und mich völliges Neuland. Bis in die Mittzwanziger-Bereiche hinein haben wir in den letzten Tagen gute Erfahrungen sammeln können. Beispielsweise hat sich die Kombination von 45Nrth-Schuhen („Wölvhammer“) mit wasserdichten Socken und dünnsten Vaude-Radsocken bestens bewährt. Auch die Beinkleider waren kein Problem: eine Regenhose ergänzte einfach die kurze Radhose und dicke Winter-Radhose der letzten Tage.

Dick verpackt im kalten Wetter

Den Oberkörper hielten ein Merino-Baselayer, ein langes Trikot, eine Isolationsjacke und darüber eine alpine Regenjacke warm. Hier profitierten wir sicher auch von der langjährigen Erfahrung des Bergsport- und Expeditionsausrüsters Vaude. Zu guter Letzt dicke Handschuhe und Pogies für die Hände, Sturmmaske und Helm-Untermütze über den Kopf. Etwas steif waren wir mit den ganzen Schichten schon. Es fühlt sich ein wenig an wie diese „Geronto-Anzüge“, die einem die eingeschränkte Beweglichkeit eines Achtzigjährigen verleihen.

Wenn Michelin-Männchen biken gehen

Dass bereits kürzeste Pausen blitzartiges Auskühlen zur Folge haben, hatten wir schon am zweiten Tag schmerzhaft lernen müssen, als bei einem Trinkstopp gleich mehrere Reißverschlüsse eingefroren waren. Dennoch wagen wir uns in die Kälte hinaus. Der wolkenlose Himmel mit Sonnenschein ist trügerisch. Es ist schweinekalt. Zwischen Mitte 20 °C minus und Mitte 30 °C minus liegen Welten. Etwa so wie bei Marathonwanderungen oder -rennen, die man mit oder ohne Schlafpause bestreiten kann: zwei total verschiedene Paar Schuhe. Die unfassbare Kälte und die zusätzlichen Klamotten machen Walter und mich steif. Schon das Aufsteigen aufs Fatbike ist eine Qual. Wie kunterbunte Michelin-Männchen tölpeln wir die Ausfahrt vom Hof unseres Blockhauses hinunter. Selbst bei kaum 15 Stundenkilometern schmerzt der Fahrtwind in jeder nicht verhüllten Hautpore. Es entsteht überhaupt kein Flow. Jede Pedalumdrehung will von Neuem gestartet werden.

Winterfreuden? Auch bei Schnee und Minusgraden kann man auf dem Rad viel Spaß haben. Es kommt nur auf die richtige Kleidung an.

Die verschneite Piste, teils mit Eisplatten gefleckt, führt binnen 30 Kilometern seicht 400 Höhenmeter hinauf. Normalerweise hasse ich Anstiege, aber diese gemächliche Anfahrt aufs Fjell ist perfekt: Man fährt nicht schnell, bleibt warm und kommt dennoch nicht ins Schwitzen. Kurt steht immer wieder mit der Kamera am Straßenrand, schließlich winkt er und mit einem Hupen verschwindet er ebenso plötzlich, wie er vor gut drei Stunden aufgetaucht ist. Es kehrt Ruhe ein am Hang. Walter hat heute einen guten Tag erwischt und legt ein sattes Tempo vor. Obwohl, hohes Tempo? Wir sprechen von elf Stundenkilometern. Angesichts der Temperaturen und des Gewichts, immerhin wiegen unsere Räder mit aller Ausrüstung über 40 Kilogramm, ist das schon ganz okay. Dennoch, Radsport sieht anders aus, über das Dovrefjell fegen die Rennradfahrer der Rekordgruppe im Sommer mit Tempo 45, um die 540 Kilometer in unter 13 Stunden abzuspulen.

Wetterparadox

Verrückte Welt: Je näher wir Hjerkinn, dem Dorf auf dem Dovrefjell, kommen, desto wärmer wird es. Im Tal starteten wir bei -34 °C. Als wir unsere Räder vor der Wartehalle des Bahnhofs anlehnen, zeigt das Thermometer behagliche -17 °C. Nach drei Stunden Anstieg gönnen wir uns eine Mittagspause.

Von Oslo nach Trondheim

Im Wartesaal haben wir reichlich Platz, um unsere Kleidung zum Abtropfen auszulegen und erwärmen die tiefgefrorenen Trockenfrüchte und Schokolade. Der Tee kommt aus den Thermoskannen, die sich bestens bewährt haben. Zwei Stunden später, bei kaum mehr -10 °C machen wir uns auf der E6 Richtung Norden auf. Es herrscht ein kräftiger Rückenwind, und wir sausen warm und fröhlich dem Tagesziel in Oppdal entgegen.

Letzte Etappe unter Jubel

Der letzte Morgen begrüßt uns kalt aber herzlich: Kaum rollen wir auf der E6, um zum nächsten Knotenpunkt unseres Vier-Routen-Systems zu gelangen, winkt uns ein Bauarbeiter zu. Kurz darauf hupt ein roter Volvo von hinten und überholt mit sichtlich erfreutem Fahrer besonders achtsam. Auch an Ampeln beobachten wir Fußgänger, die erfreut tuscheln, nachdem sie uns gesehen haben. Erste Kaffeepause in Berkak nach 30 Kilometern mit großem Kaffee, zwei Teilchen, Cola und Müsli … Die Kassiererin grinst uns fast zweideutig an und sagt „50 Kronen, bitte!“ Das sind kaum fünf Euro.

Von Oslo nach Trondheim

„Irgendwas stimmt hier doch nicht“, meint Walter. Er hat das Geld im Blick, ich die Menschen. Dann beugt sich die Kassiererin Anna vor, strahlt noch ein bisschen mehr und sagt in bestem Englisch: „I saw you on TV yesterday evening!“. Bingo! Die Leute auf der Straße erkennen uns wieder und Anna tunt die Rechnung für uns, weil Kurts Beitrag am Abend lief. Wir machen uns über die Kalorien her, als das Handy vibriert. Eine SMS von Ingar Wilhelmsen, dem damaligen Renndirektor von Trondheim-Oslo. Auch er hat uns im Fernsehen gesehen. Sein Trondheimer Kollege Tore aus dem Orga-Team erwarte uns am Stadtrand und freue sich auf einen gemeinsamen Kaffee im Dom-Café.

Das Ziel Trondheim ist erreicht

Heimdal, 5 Kilometer südlich vor Trondheim: Wieder hupt ein Auto. Doch diesmal hält es nicht Abstand, sondern fährt verdächtig auf. Mir wird mulmig! Sollte die Reise enden, wie sie begann, eingepresst im Pendelverkehr? Mitnichten! Ich schaue in das nahende Auto hinein. Auf dem Pullover des Fahrers prangt das Trondheim-Oslo-Logo: Wow, wir erhalten eine Tour-de-France-würdige Eskorte zum Dom! Beim anschließenden Kaffee meint Tore: „Und im Sommer fahrt ihr das Ding einfach umgekehrt: Von Trondheim nach Oslo, auf der Straße, mit dem Rennrad, bei schönem Wetter, mit vielen anderen und richtig schnell!“ Keine schlechte Idee …

— ENDE —

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