Reportage: Zypern von beiden Seiten / Teil 2

  1. [pd-f/cg] Die Nähe zum Meer hat mir bei meiner Adaption an die Hitze geholfen. Bei Walter ist es genau andersherum: Er wirkt schwer mitgenommen, als wir in der Parkbucht vor der Aphrodite ankommen. Letztere ist eine kleine Grotte mit Süßwasserbecken, in der sich der Legende nach Aphrodite mit ihrem Liebhaber Adonis vergnügt haben soll. Ich besorge Wasser, Cola und Bier. Walter hält sich an diese Reihenfolge. Die Getränke-Kombi und ein Mittagsschlaf im Schatten füllen seine Akkus.
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www.pd-f.de / Gunnar Fehlau

Wir mäandern auf kleinen Küstenwegen bis zum Campingplatz in Polis. Ein großer Fehler, wie sich am Abend herausstellen soll. Jener beginnt mit lauschigen Absackern im pittoresken Restaurant, das direkt am Strand liegt. Als wir unsere Schlafsäcke unter den Bäumen ausrollen, geraten wir augenblicklich unter Attacke von Mücken. Die Blutsauger malträtieren uns die gesamte Nacht. „Ganz Transsylvanien hat dieses Jahr Zypern gebucht“, witzelt Walter am Morgen in einem Café in Polis, während ich heftigst meine Arme und Beine kratze.

Der 600-Höhenmeter-Balken

Am Morgen flach die Küstenstraße entlang fahren, das gefällt uns. Dafür bräuchte man zwar keinen B-plus-Boliden, dafür wäre ein Rennrad sogar besser. Aber unsere Bikes rollen wie auf Schienen und wie ein Zug ziehen wir durchs Land. Es läuft, die Kilometer fliegen dahin. Wir passieren Pachiammos und urplötzlich wandelt sich die Atmosphäre. Immer öfter tauchen Militärfahrzeuge auf und in den südlichen Hügeln sind Wehranlagen zu erkennen.

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Schließlich stehen wir vor einem Schlagbaum. Soldaten bedeuten uns wortkarg, aber mit einer Eloquenz, die durch die umgehängten Maschinengewehre deutlich an Überzeugungskraft gewinnt, dass hier kein Fortkommen ist. Ohne es zu wissen, sind wir in einen Hotspot der Weltgeschichte geradelt. Hier trifft die griechisch dominierte Republik Zypern auf die Türkische Republik Nordzypern. Und damit das nicht wieder eskaliert, sind UN-Blauhelm-Soldaten in einer Pufferzone stationiert. Sie umranken den alten Ort Erenköy/Kokkina, der nunmehr „nur“ noch eine türkische Militärexklave ohne ziviles Leben ist.

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Vor diesem Drohgebilde flüchten wir lieber wieder in die Berge. Der Schlagbaum an der Küstenstraße sorgt nicht nur für Unmut in der internationalen Diplomatie, sondern bringt uns auch satte 600 Höhenmeter Umweg ein. Ein knackiger kleiner Passanstieg bis zur ersten Kreuzung, dann biegen wir links ab und fahren östlich der Exklave wieder talwärts bis zum Meer. Große Politik, herzlichen Dank für diese Geschichtsstunde in den Beinen!

Gewachsene Armut statt Krise

Am Grenzübergang Yeşilırmak fahren wir erstmals auf dieser Tour in den türkischen Teil Zyperns. Binnen weniger Meter wandelt sich die Atmosphäre komplett. Kirchen weichen Moscheen und die Mienen der Menschen ändern sich. Aufrecht, stolz und zufrieden blicken uns die meisten an. Geblieben sind die Beulen der Autos, sichtbarer Leerstand und spärliche Auslagen in den Shops.

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Doch hier im türkischen Teil wirkt es wie ein langsam gewachsener Lebensstandard, mit dem sich die Menschen arrangiert haben, dessen punktierte Vorzüge und Fortschritte sie zu würdigen wissen. Ganz anders als im griechischen Teil Zyperns, denn dort hat es in den letzten Jahren einen herben Niedergang des Lebensstandards gegeben. Wir rollen bis nach Güzelyurt, dessen historischer Stadtkern uns beim späten zweiten Mittagessen verzückt. Auf der Fahrt aus der Stadt heraus machen wir Bekanntschaft mit Horden frei streunender Hunde und diese mit unseren Sprinterfähigkeiten: Kittel-gleich haben wir uns den ganzen Tag unauffällig verhalten, um im entscheidenden Moment alle Körner rauszuhauen. Die Waden sind kurz danach alle, aber immerhin nicht von Hundezähnen perforiert.

Nikosia – die geteilte Hauptstadt

Auf unserem sonntäglichen Weg nach Nikosia überholen uns auf einer riesigen Einfallstraße erstmals andere Radfahrer. Die velophilen Grußzeichen und Konkurrenzspielchen funktionieren über alle kulturellen und sprachlichen Grenzen hinweg. Walter zieht an, ich gehe mit und – was soll ich sagen – das Ortsschild ist meins! Damit hat sich’s dann aber auch schon mit den schönen Seiten von Nikosia. Die suburbane Straße ist von Autowerkstätten, Bordellen und Brautmodegeschäften gesäumt.

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Und je näher wir dem Zentrum kommen, desto mehr wähnen wir uns in einer mediterranen Version des Berlins der 1980er-Jahre. Nikosia ist eine geteilte Stadt. Wir sehen mehr Armeepatrouillen als Radfahrer, mehr Maschinengewehre als Kinderwagen und wann immer wir achtlos vom Hauptverkehrsfluss abbiegen, stehen wir unversehens vor der Mauer, die die beiden Teile der Stadt voneinander trennt. Hier, in der nachmittäglichen Hitze, an einem für die Weltgeschichte völlig unbedeutenden Septembersonntag, wird mir die Bedeutung der deutschen Wiedervereinigung klarer als je zuvor. „Walter, ich muss hier weg, dieses Gockelgetue mit scharfer Munition halte ich nicht länger aus!“, schreie ich durch den Verkehrslärm. Wir suchen einen Velo-tauglichen Hinterausgang aus einer Stadt, deren Haupteingänge verrammelt sind. Alles ist besser als in die Mündung der Grenzerwaffen zu schauen.

Die A-Team-Momente im eigenen Leben

Unsere Flucht aus Nikosia bringt uns auf kleinen Pfaden durch das Mia-Milia-Industriegebiet. Wir ignorieren hier ein Schild, dort einen winkenden Fußgänger, um uns schließlich in der ländlichen Einsamkeit wieder wohler zu fühlen. Mit der Karte und dem Navi manövrieren wir entlang der innerzypriotischen Grenze ostwärts.

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Durstig und hungrig gelangen wir über staubige Pisten in eine Ortschaft. Die erste Theke wird unsere sein, denke ich mir, oder die erste Tanke, da hat Walter schon einen Freisitz entdeckt. Der Kellner ist verdutzt, als wir in Radklamotten zwei Bier und Kebab bestellen. Wir schieben das auf die ungewohnte Sportoptik und unsere verdreckten Arme und Beine. Kurze Zeit später, von den Speisen fehlt noch jede Spur, fährt mit quietschenden Reifen ein Militär-Jeep vor. Ihm entspringt die türkische Ausgabe von Colonel Lynch aus dem A-Team. Wie von der Tarantel gestochen, rennt er auf unseren Kellner zu. Zwar verstehen wir kein Wort, aber anschließend ist die Rangordnung klargestellt und der Kellner schaut mächtig zusammengefaltet aus. Er kommt zu uns rüber und bringt nichts als ein „No!“ heraus. Wir verstehen nur Bahnhof und harren des Kebabs. Ein feinerer Militärwagen fährt vor und ihm entsteigen zwei Angehörige der Militärpolizei. Sie kommen direkt auf uns zu: „Where do you come from?“, „How did you get into the military base?“, „Why are you sitting here?“ fragt der Größere uns in bestem Englisch, aber nur semi-freundlichem Tonfall.

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Das ist kein Theken-Talk, sondern ein Verhör. Mir schwant Böses. Kein Mensch auf dieser Welt weiß, dass wir hier entlang fahren wollten, dass wir hier sind. Ich schaue mich unauffällig um. Nur unsere an den Zaun gelehnten Räder zeugen von uns. Doch etwas beruhigt mich: Auf meiner Satteltasche blinkt der Spot-Tracker grün. Er sendet unsere GPS-Koordinaten. Sollte unser Gespräch in einem feuchten Kellergefängnis bei Wasser, altem Brot und Elektroschocks enden, so werden diese Signale der internationalen Diplomatie den Weg weisen. Wir müssen dann nur durchhalten, bis die Hilfe uns erreicht. „Your passports, please!“, werde ich von Colonel Lynch aus meinen Gedanken geweckt. „Nicht gut“, zischt Walter mir zu. Auch in diesem Moment ticken wir wieder ähnlich.

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Der Militärpolizist lässt sich unsere Pässe geben und greift zum Mobiltelefon. Sein Mienenspiel in den nächsten Minuten schwankt zwischen Kellerverlies und Ehrenbankett. Ich spüre weder Hunger noch Durst, bin paralysiert. Er steckt das Handy weg, reicht uns die Ausweise und bedeutet uns, zügig weiterzufahren. Schnurstracks lassen wir die beiden Biere halbvoll und unbezahlt stehen und schwingen uns auf die Räder. Noch immer beschleunigend nähern wir uns dem Ausgang der Militärbasis und beobachten, wie einfahrende Autos durchsucht und mit Bodenspiegeln kontrolliert werden. Ich hätte nicht gedacht, dass unsere Bike-Tour eine Sicherheitslücke in der Grenzsicherung aufzeigen könnte.

Großes Finale

So recht einschlafen kann ich an diesem Abend nicht. Walter hat zwar in weiser Voraussicht beim Verproviantieren an der Tankstelle die abendliche Bierration eigenmächtig und beträchtlich erhöht. Hilft aber nichts. Die Gedanken im Kopf kreisen wie ein Keirin-Fahrer auf der Bahn. Haben wir heute schlicht eine Menge Schwein gehabt oder haben unsere Ängste eine im Grunde belanglose Situation einfach nur hochgeschaukelt?

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Ich komme in der Sache zu keiner Entscheidung, komme lange nicht zur Ruhe und gleite irgendwann dann doch in den Schlaf. Dass wir am nächsten Tag auf dem Weg zum Flughafen an zwei nicht besetzten Grenzübergängen unser Glück vergeblich versuchen, eine Reifenpanne haben und ich wegen eines entzündeten Stichs noch kurz in der Notaufnahme vorbeischaue, bevor wir gen Heimat fliegen, verdauen wir irgendwie besser als den nicht einmal servierten Kasernen-Kebab.

— ENDE —

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