Reportage: Trondheim-Oslo – The Other Way Round 1.Teil

[pd-f/GuF] Fatbikes … war das nun ein Marketing-Gag oder bringen diese Räder wirklich einzigartige Möglichkeiten? Gunnar Fehlau, Leiter des pressedienst-fahrrad, hat die Probe aufs Exempel gemacht und fuhr auf den Spuren des Rennrad-Klassikers „Trondheim-Oslo“ durch den norwegischen Winter. Hier sein Bericht über eine außergewöhnliche Radreise.

Unsere Tour begann lange bevor wir Mitte Januar im Flieger nach Oslo saßen. Es war eine dieser Schnapsideen, wie sie an ganz bestimmten Abenden unter Männern entstehen. Eben dann, wenn sich wohldosierter Alkoholpegel, ausgelassene Stimmung und genau die richtige Mischung an Typen in einer perfekten Balance befinden. Das sind magische Momente, die Ideen gebären, die sonst – genau! – undenkbar wären. Diesen Moment hatten mein Tourenpartner Walter und ich, als wir im Juni nach absolvierter Grenzsteintrophy in der „Gemütlichen Kleintierschänke“ unweit des ehemaligen Dreiländerecks (BRD, DDR, Tschechoslowakei) bei einer deftigen Wurstplatte zusammen saßen.

Von Oslo nach Trondheim
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„Und, was machen wir als nächstes Abenteuer?“, fragte Walter und lachte mich an. „Mal wieder was mit’m Rennrad?“, entgegnete ich, das Weizenglas schwenkend. „Trondheim-Oslo wär’ schon mal wieder drin“, dachte mein fränkischer Freund laut. „Mmmh, was mit Fatbike wäre aber auch nicht schlecht“, erwiderte ich. Drei Biere später hatten wir die Gesprächsfetzen zu einem perfekten Plan zusammengesetzt – Arbeitstitel „Trondheim-Oslo: The Other Way Round“. Wer gerne Rennrad fährt und eine gewisse Affinität für lange Strecken hat, für den ist „Trondheim-Oslo“ quasi Pflicht. Wir beide sind den Marathonklassiker, der seit den 1960ern ausgetragen wird und jährlich bis zu 5.000 Teilnehmer zählt, schon mehrfach mitgefahren.

Mit verkehrten Vorzeichen ins Abenteuer

Für diese Tour änderten wir schlicht die Vorzeichen aller Merkmale des Rennradklassikers: Statt Mittsommernacht im Juni wählten wir den Januar. Statt dem Rennrad das Fatbike. Statt Rennorganisation mit Vollservice packten wir Trockenfutter und Biwak-Ausrüstung aufs Rad. Selbst Start- und Zielpunkt vertauschten wir und während der Marathon 540 Kilometer über blitzeblanken Asphalt führt, wählten wir Schneepisten im Wald. Der Rest ist schnell erzählt: Räder aufmotzen, Wetterrecherche, Ausrüstung aufstocken: Bekleidung für Temperaturen bis tief in die Minus-Dreißiger, Winterbiwak-Ausstattung und Kalorienvorräte für mehrere Tage autarke Fahrt. Anfang Dezember eine Probetour im Harz und los konnte es gehen.

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Die tödliche Hauptschlagader

„Nichts wie weg!“, schallt es von hinten aus der Dunkelheit. Fast hätte ich es unter dem Lärm der Belagfräse und Baufahrzeuge nicht verstanden. „Mensch, Gunnar, wollen die uns umbringen?!“, schreit Walter. Seine Stimme klingt ängstlich, fast panisch. So kenne ich ihn gar nicht. Walter ist seit Jahren mein Buddy auf Radreisen. Der 57-Jährige hat ordentlich Dampf in den Waden und ist ein Outdoor-Profi. Noch bevor er anfing „richtig“ Rad zu fahren, gründete er mit Freunden 1988 einen Survival-Verein. Aus dem Angebot der Bundeswehr-Reservisten-Übungen pickte Walter zielsicher die härtesten Überlebensprogramme heraus; für manche dieser Aktionen musste er sich sogar Sondergenehmigungen beschaffen. Sucht man jemanden, der mit gefesselten Händen und einer klapprigen Heckenschere im Dunkeln eine lupenreine Blinddarm-Operation durchführt, ohne dabei unruhig oder gar gestresst zu sein, dann ist man bei Walter genau richtig. Okay, das ist vielleicht etwas übertrieben, trifft aber den Kern: Walter hat die Ruhe weg und weiß sich zu helfen. Er liebt das Abenteuer, scheut aber unnötige Risiken.

Von Oslo nach Trondheim
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Er liebt die Natur, weiß aber um ihre tödlichen Kräfte. Wenn Walter auf Alarmmodus umschaltet, dann ist die Lage ernst. Wirklich ernst. Offensichtlich sind meine Sensoren in Sachen Verkehr anders justiert: Miami, London, San Francisco, Paris, Vancouver, Köln oder Bangkok – bisher hat mich keine Rushhour niedergerungen. Doch mit einem Mal wird mir klar, in welcher Hölle wir hier pedalieren. Wir sind auf der E6 unterwegs, irgendwo etwa 60 Kilometer nördlich von Oslo. Es ist 16:30 Uhr und stockdunkel. Die E6 ist die automobile Hauptschlagader dieser Region. Sie verbindet die Metropole Oslo mit dem nördlichen Umland. Wir bekommen die volle Dosis abendlichen Pendlerverkehrs ab, der sich auf engstem Raum durch eine kilometerlange Baustelle presst. Zwischen Familien-Kombis, 38-Tonnern und Gegenverkehr ist schlicht klein Platz für uns. Da werden selbst die freundlichen Norweger fast zwangsläufig zu Straßenrowdys. Dazu kommt das Wetter. Der Winter ist mild, was die Lage eher ungemütlich macht. In den wärmeren Tallagen peitscht uns der Nieselregen bei einem Grad Celsius ins Gesicht. Verläuft die Straße weiter oben am Hang, dann sind es Schneeregen und Bodeneis, die uns zusätzlich piesacken.

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 Wir müssen hier raus und zwar schnell! Ich schaue mich um und versuche, in Dunkel und Regennebel einen Ausweg zu finden. Linker Hand, etwa 20 Höhenmeter unter uns und in kaum 100 Metern Entfernung könnte eine Straße verlaufen. Zumindest leuchten dort in gewisser Regelmäßigkeit Scheinwerferpaare aus der Dunkelheit hervor. „Lass uns das versuchen“, schreie ich Walter über die Schulter nach hinten zu und bremse ab. Wir kraxeln über Leitplanken und Bauzäune, wuchten unsere vollbeladenen Fatbikes durch die Rabatten und radeln kaum 20 Minuten später auf einer schmalen, ruhigen Versorgungsstraße. Der Puls sinkt, die Stimmung steigt. Wir orientieren uns. Walters „Vier-Routen-System“ erweist sich als perfektes Raster.

Auf vier Routen ins Abenteuer

Die Strecke war der heikelste Teil der Planung, da wir keine Vorstellung hatten, wie die Wege wirklich beschaffen sein würden. Also hat Walter besagtes System entwickelt: Die erste Ebene bildet der „St. Olavsweg“, ein Pilgerpfad von Oslo nach Trondheim (www.pilegrimsleden.no). Ist dieser nicht fahrbar, greift die zweite Route, die offizielle Radvariante des Pilgerwegs. Für den Fall, dass sich auch diese als unfahrbar erweist, haben wir jeweils möglichst parallel zu diesen beiden Routen eine Asphalt-Nebenstraßen-Route zusammengegoogelt.

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Als letzte Notfallabsicherung dient in dem Plan die offizielle Rennradstrecke Trondheim-Oslo, welche meist auf der autobahngleich ausgebauten E6 verläuft. Auf diese Weise können wir faktisch an jeder Kreuzung die Route den aktuellen Bedingungen anpassen. Und so landen wir auch nach unserer Flucht aus der Baustelle schon nach wenigen Kilometern wieder auf einem vorgeplanten GPS-Track.

Norwegen aus dem Bilderbuch

Nach den gestrigen Irrungen und Wirrungen auf der E6 starten wir am nächsten Morgen so, wie wir uns diese Tour gedacht hatten: Auf einer Naturpiste folgen wir der Beschilderung des Pilgerwegs über kleine Straßen, Wald- und Wanderwege. Seichte Hügel, gedrungene Bäume, viele große Eiszeitsteine, hutzelkrumme Büsche, bunte Flechten, häufig von einer Puderzuckerschicht Schnee überzogen. Mit -9 Grad Celsius ist es zwar deutlich kälter als gestern Abend, aber viel angenehmer. Der Weg führt uns zu zahlreichen Kirchen und Kapellen, alle sind geschlossen. Gepilgert wird in Norwegen im Sommer. Später, in Trondheim, sagt man uns, dass wir die ersten Pilger des Jahres sind, die sich ihren Pilgerpass am Nidaros-Dom abstempeln lassen.

Norwegische Normalität: das perfekte Outdoor-Haus

Facebook sei Dank hat die norwegische Rad-Community längst Wind von unserer Tour bekommen. Eine Einladung zum Mittagessen liegt perfekt auf unserer Route. Wir nehmen sie dankend an und rollen kaum zwanzig Stunden später bei Ole auf den Hof nahe Vinstra. Sein Haus zeigt uns, dass es nicht nur eine typische skandinavische Außenfassade mit buntem Holz gibt, sondern auch, dass das „Innenleben“ sich deutlich von typisch deutschen Häusern unterscheidet.

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Wir kommen total vollgeschneit bei ihm an, die Schuhe matschig und die Kapuzen schweißtropfend. Dennoch bittet er uns ohne Zögern ins Haus. Statt Flur mit flauschigem Teppich betreten wir eine Art großer Ankleide, gekreuzt mit einer Waschküche. Der Raum ist eine perfekte Schleuse zwischen sauberem, warmen Wohnraum und kalt-nassem Winter. Links geht es direkt ins feudale Badezimmer, nach rechts gelangt man durch einen kurzen Flur in die große Wohnküche. Je weiter die Räume von der Schleuse entfernt sind, umso feiner sind sie eingerichtet und desto repräsentativer werden sie genutzt. Clever: Obwohl das Haus sehr groß ist, muss Ole im Winter nur die Räume unmittelbar um den Schleuseneingang wohnlich warm halten und versorgen. Die Schleuse sorgt dafür, dass man keinen Winterdreck in den Wohnraum schleppt. Der Bauplan ist jedenfalls abgespeichert. Man weiß ja nie! Nachdem wir uns aus unserem Radl-Dress geschält haben, biegt Walter links und ich rechts ab. Der Holzofen in der Küche knistert lautstark und wärmt wunderbar.

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Seit dem Tod seiner Frau bewohnt Ole das große Haus allein und ist sichtlich froh, mal wieder für mehrere Menschen zu kochen und etwas Gesellschaft zu haben. Im Hintergrund laufen Biathlon-Wettbewerbe. Doch Ole interessiert sich für unsere bevorstehende Route. In der nächsten halben Stunde bekommen wir so nicht nur ein formidables norwegisches Mittagessen mit Elchfleisch aufgetischt, sondern vielmehr auch eine komplett überarbeitete Route für die nächsten 100 Kilometer. Bevor wir nach einem leckeren Kaffee aufbrechen dürfen, lässt sich Ole von uns noch ausgiebig unsere Ausrüstung und die Fatbikes erklären.

— Fortsetzung folgt —

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